Poesie und Kosmos, ein wenig kopflos das ganze

(Oranienburger Straße 46/47)

"Meister, das Haus ist fertig, was für eine Fassade soll es sein...?"
In etwa so baute man um und zur Gründerzeit Häuser, je nach Finanzen mit flügellahmen oder flügellosen Engeln, Atlanten, strammen Frauen und beliebiger Auswahl nach oder ohne Geschmack – munter aus dem Gipskopfkatalog gesucht.
Mit Engelsgeduld ertrug dieser beflügelte, äußerst schreibbeflissene Knabe (Vorsicht, wenn man diese Aufzeichnungen lesen könnte) alle Widernisse gegen seinen Sitz, überlebte erneuerungswütige Baustile, mehrere Farbanstriche und zwei Weltkriege. Er war nicht totzuschießen. Auch der beliebte Fassadenhobel, in Ost wie West in den fünfziger Jahren in schamhafter Rechtfertigung einer neuerlichen Architekturepoche: – der neue Mensch, insbesondere der östliche oder jetzt sozialistische, fordert ein modernes Wohnen – drastisch allerorten und prämiert eingesetzt, brachte ihn nicht vom Sitzefleisch.
Ein Engel auf Erden, jetzt in den Himmel befördern?
Er wurde einfach und aus Geldmangel übersehen. Wahrscheinlich auch dann, als eine moderne Heizung ihm ordentlich einheizen sollte. Das war verdammt dicht an ihm vorbeigeschrammt, da allerdings behielt er den Kopf noch hoch oben.

Streu- und Bruchverluste gibt es auf dem Bau und in der Zeit danach immer. Ein allzeit häufig gebrauchtes Argument. Wenn das nicht hilft, gibt es immer noch den Putzhammer, die Spitzhacke oder letztlich einen Bagger als greifendes Lösungsmodell.
Gesellschaftliche Umbrüche bringen vielfach Kopflosigkeit so mit sich, einige Häupter müssen dabei sogar rollen. Ungerechtfertigterweise hat dieser stumme Poet den seinen so ganz nebenbei mit diesen Revolutionswirren auch eingebüßt. War er heimlich doch ein "IM", Deckname "Pegasus" oder "Skribifax".
Die Poesie sitzt heute stellvertretend im “Obst und Gemüse”, ja gleich unter ihm, mit foliantenstarken Kladden über Revolutionen und “Kopf hoch” – Varianten, reimt gegebenenfalls gegen ein kleines Entgelt, notfalls als Hilfe für gefallene Engel.

Der Kopf - die Hoffnung: “Antik” ist in. Daher besteht die berechtigte Hoffnung, daß sein Haupt noch irgendwo, jetzt als Hausdichter und ganz privat grübelt. Mahnend droht indes sein eisernes Rückgrat diesem rückhaltlosen Privatier.
Und wann zerfällt ganz unpoetisch der Kosmos hinter ihm, seine letzte Stütze?

Wie dieses Detail sind so viele in den letzten Jahren beschädigt, verlagert oder zerstört worden.
Zuallererst fängt es zumeist im Detail an zu bröseln. Und wenn das keiner merkt? Ja dann...
Jede noch so gut gemeinte oder einhundertprozentige Kopie ist mit ihrer Entstehung nur ein anderes Original.
Parole: Futsch ist futsch, hin ist hin – in Berlin als Wort gern galgenhumorig abgenutzt.
Räumliche Puzzle sind gegenwärtig in Mode. Dieses auch?

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